Supra #4 gibt´s in folgenden Läden:

Fanladen, Brigittenstraße 3
Buchhandlung, Schulterblatt 55
Brasserie Raval, Neuer Kamp 9
Subvert Store, Neuer Pferdemarkt 32
Lockengelöt, Wohlwillstraße 20
KunstKiosk, Paul-Roosen-Straße 5
TT hoch 3, Beim Grünen Jäger 10
St. Pauli-Archiv, Wohlwillstr. 28
Strips & Stories, Seilerstrasse 40
Heinrich Heine Buchhandlung, Grindelallee 26

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Ästhetik und Äxte

Es gibt einen neuen Musikpreis in Hamburg. Er heißt Hans und das soll Hanseat heißen oder auch Hans Albers. Entscheiden kann das anscheinend jeder selber. Auf gewisse Weise symbolisiert das die Leere einer Kultur, die ständig etwas Neues erfindet, damit sie einen Anreiz hat, sich neue Kleidung zur Selbstinszenierung zu kaufen oder sich einmal mehr im Jahr auf die eigene Schulter zu klopfen. Was macht Mensch in dieser Welt, wenn die Wut unerträglich wird und einem nur noch zwei Überlegungen übrig bleiben. Sprengstoff auslegen oder der Sprung aus dem zehnten Stock. Wir können ignorieren oder inszenieren. Ich persönliche neige zum stillen ignorieren, Audiolith-Gründer Lars inszenierte, indem er den Preis nicht einfach ablehnte, sondern ihn wirksam dematerialisierte. Dem ungeschulten Auge glich die von Nils Koppruch gestaltete Trophäe den Kerzengehäusen für den Gartengebrauch, welche in den Souvenirshops stark frequentierter Ostseebäder zum Verkauf angeboten werden. An Stelle einer Kerze befand sich im Zentrum des Kastens jedoch ein Lautsprecher. Ein kunstvoller und geradezu innovativer Einfall des Gestalters, der feinlinig und subtil darauf zurück greift, dass es sich um einen Musikpreis handelt.

Das Büro des Hamburger "Elektro-Punk" (?!?) Labels wird nun nicht mehr in den Genuss kommen, sich an diesem stilvollen Kunstwerk optisch zu ergötzen. Audiolith Gründer Lars hat offensichtlich kein Auge für wahrhaftige Kunst, denn er zerschlug das undotierte Objekt mit einer Axt. Ich bin über diese Vorgehensweise mehr als erfreut, denn ich finde, dass in letzter Zeit viel zu wenig Menschen mit Äxten auf Großbühnen verkehren. Mir imponiert die Aura, die einen Menschen umgibt, der in professionellem Kunstlicht ein Beil um sich schwingt. Mancher mag argumentieren, dass diese Vorgehensweise nicht mehr zeitgemäß ist. Diese Leute sind jedoch Narren, denn eine solche Aktion hat einen ähnlichen Status wie Nutella oder Coca-Cola, ohne Veränderung des Rezeptes erfreuen sich diese Dinge an einem Jahrzente überdauernden Erfolg.

Ob Musik nun wirklich Kunst ist oder mehr Handwerk, das stelle ich hier nicht zur Diskussion. Ob ein von einem Künstler gestaltetes Gewinnobjekt es schafft, als Kunst durchzugehen, lasse ich ebenfalls offen. Einen Preis mit einem Hackebeil zu zerlegen muss jedoch unbedingt Kunst sein. Sie ist es sogar klassich, vielleicht situationistisch, in jedem Fall aber kunsttheoretisch verwertbar. Die Vorgehensweise des Labelchefs verdient mehr Anerkennung als die, die ihr zuteil wird. Vom Spektakel eingelullte Kulturreporter der Mopo erkennen dies selbstverständlich nicht. Hätten sie kulturelles Verständnis, würden sie nicht bei einer Zeitung wie dieser arbeiten.

Gäbe es einen Kritikpunkt an der Vorgehensweise des Axtschwingenden, so wäre dies lediglich, dass er ein Spektakel veranstaltet, um ein Spektakel zu entblößen. Dies ist jedoch für Redakteure die auf einen geistigen Fundus zurückgreifen können, dessen Umfang den der Standardliteratur überschreitet, kein Argument. Im Gegenteil, was Lars getan hat ist eine klassische Invertierung und damit wertvoller als man uns glauben lässt. Überspitzung, Feedbackprozesse, die Aktion bietet alles, was wir von einer guten Inszenierung erwarten. Ich plädiere hiermit für die künstlerische Integrität des Labels Audiolith, das seinen Anspruch, ein innovatives Label zu sein, in keinem Fall anders hätte untermauern können als so.

Was mich ekelt, ist die Paralelle, die zum Auftritt der Band 1000Robota gezogen wird. Diese zerstörten technisches Equipment. Das kann und darf auf keinen Fall miteinander verquickt werden. Technische Ausrüstung ist unschuldig, sie symbolisiert nichts, ist in ihrer Verwendung uneingeschränkt, kann sowohl das eine wie auch das andere transportieren. Hier sehen wir die bloße Zerstörungswut, die vor allem durch überschüssige Resthormone aus der Pubertät und ein verschobenes Selbstverständniss hervor gerufen wird. Technische Ausrüstung umzustoßen ist keine Kunst. Es trifft keine Aussage und ist wertlos. Einen Preis zu zerschlagen ist nicht nur ästhetisch, es ist aussagekräftig, denn der Preis symbolisiert etwas und dieses Symbol wird zerschlagen. Dass Redakteure dieses grobschlächtige, geradezu hervorstechende Detail nicht erkennen, ist selbst für die Mopo unangenehm.

Peinlich, wie es die Mopo nennt, wäre im Übrigen folgendes Szenario gewesen: Audiolith nimmt den Preis an, hält eine langweilige Dankesrede und geht zurück in die angemieteten Arbeitsräume, wo der Klumpen auf einem preisgünstigen Holzbrett, mit weißen Wandhaken befestigt, exponiert wird. Irgendwann kommt ein Redakteur einer ernstzunehmenden Gazette daher und betrachtet nun recht irritiert das Objekt, welches er zunächst für einen Kerzenhalter für den Gartengebrauch hält. "Was ist das?", fragt der verdutzte und gebildete Journalist, der sich in der Schaltzentrale eines subversiven Musiklabels vermutet. "Das ist der Hans", sagt Lars stolz lächelnd, "es ist ein neuer Hamburger Musikpreis, den unter anderem auch Ina Müller und Jan Delay erhalten haben. Man bekommt dafür kein Geld, aber ich bin stolz ihn besitzen zu dürfen." Der Reporter, würde auf diese Ausführung hin kurz nach der Toilette fragen, in die er sich zurück ziehen würde, um halb lachend, halb fremdbeschämt in seiner Redaktion anzurufen und mitzuteilen, dass er den Artikel nicht schreiben könne. In den Räumlichkeiten stehe ein Kerzenhalter namens Hans und der Mann ist auch noch stolz darauf. Der Chefredakteur würde ihn zurück beordern, seine Spesen bereitwillig auslegen und ihn lachend in den Arm nehmen. "Der Hans", würde er prusten, "Entschuldige, das konnte ich ja nicht wissen."

Bevor ihr euch in Mopo Diskussionforen äußert, beherzigt das und respektiert den Künstler, dem das System keine andere Wahl gelassen hat als diese.

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